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Radikale und Sektierer

Paulo Freire schrieb 1977 in Pädagogik der Freiheit über Radikale und Sektierer:

Radikal sein bedeutet eine verstärkte Verpflichtung für die einmal gewählte Position. Radikalität ist überwiegend kritisch, liebevoll, bescheiden und kommunikativ, also eine positive Haltung. Ein Mensch, der eine radikale Entscheidung trifft, leugnet nicht das Recht eines anderen auf die eigene Entscheidung. Er macht auch nicht den Versuch, seine Entscheidung einem anderen aufzudrängen. Er vermag über die jeweiligen Positionen zu diskutieren. Er ist davon überzeugt, im Recht zu sein, aber er respektiert das Vorrecht der anderen, sich selbst am besten beurteilen zu können. Er sucht zu überzeugen und zu bekehren, nicht aber seinen Gegner zu vernichten. Allerdings hat der Radikale die pflicht -upd die Liebe selbst erlegt sie ihm auf -, gegen die Gewalt, die ihn zum Schweigen bringen will, vorzugehen. Diese Gewalt nämlich will seine Freiheit im Namen der Freiheit töten und damit jede Freiheit, auch die eigene9. Radikal sein bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben. Radikale können nicht einfach passiv eine Situation akzeptieren, in der das Über-. maß der Macht von wenigen die Entmenschlichung aller verursacht.
Unglücklicherweise war das brasilianische Volk, seine Elite wie seine Massen, insgesamt nicht darauf vorbereitet, eine kritische Position in der Phase des Übergangs zu beziehen. Sie wurden vielmehr von den widersprüchlichen Kräften hin-und hergerissen und begannen, anstatt für radikale Lösungen einzutreten, sektiererische Haltungen einzunehmen. Sektierertum aber ist überwiegend emotional und unkritisch. Es ist arrogant, antidialogisch und daher antikommunikativ: eine reaktionäre Haltung, gleichgültig, ob auf der Rechten (die ich ihrem Wesen nach für Sektierer halte) oder auf der Linken. Der Sektierer ist unschöpferisch, denn er kann nicht lieben. Da er die Entscheidungen anderer nicht respektiert, versucht er die eigenen Entscheidungen anderen aufzudrängen. Daher rührt die Neigung des Sektierers zum Aktivismus: Aktion allerdings ohne Reflexion. Hier hat auch seine Vorliebe für ScRlagworte ihren Grund, für Mythen und Halbwahrheiten, die dem total Relativen absoluten Wert zurechnen10. Ganz anders der Radikale: Er weist den reinen Aktivismus von sich und unterwirft seine Handlungen der RefleXiOn.
Der Sektierer auf der Rechten wie auf der Linken behauptet von sich, Herr der Geschichte zu sein, ihr alleiniger Schöpfer und der einzige, der das Maß ihrer Bewegung bestimmen darf. Rechte und linke Sektierer unterscheiden sich nur darin, daß der eine den Lauf der Geschichte anhalten will, der andere ihn dagegen vorwegnimmt. Andererseits ähneln sie sich darin, daß sie ihre eigenen Überzeugungen dem Volk aufzwingen und es damit in den Zustand bloßer Massen zurückversetzen. Für den Sektierer hat das Volk nur insofern Bedeutung, als es seine eigenen Ziele unterstützt. Der Sektierer will, daß das Volk aktiv im historischen Prozeß auftritt, gesteuert aber durch vergiftende Propaganda. Er erwartet nicht vom Volk, daß es denkt. Jemand anderes soll an seiner Stelle denken. Der Sektierer sieht im Volk einen Schutzbefohlenen, ein Kind. Sektierer sind daher außerstande, eine wirklich befreiende Revolution durchzuführen, denn sie sind selber unfrei.
Der Radikale dagegen ist wirkliches Subjekt und das in dem Maße, wie er die historischen Widersprüche zunehmend kritisch betrachtet. Er setzt sich nicht selbst zum Herrn der Geschichte. Obgleich er begreift, daß es unmöglich ist, die Geschichte ungestraft anzuhalten oder vorwegzunehmen, bleibt er nicht nur Zuschauer des historischen Ablaufs. Im Gegenteil, er weiß, daß er als Subjekt mit anderen Subjekten schöpferisch an diesem Prozeß teilnehmen kann und soll, indem er unter den Veränderungen Unterscheidungen trifft, die einen unterstützt und beschleunigt, die anderen bekämpft.